Der Beginn des Pilgerns
Es ist das Jahr 2024.
Zuerst wurde einer meiner Freunde auf tragische und brutale Weise von Jugendlichen auf der Straße erstochen. Kurze Zeit später starb eine innige Freundinnen völlig unerwartet, und auf mysteriöse, erschütternde Weise.
Diese Ereignisse veränderten etwas tief in mir. Ich begann, mein Leben, meinen Weg und all meine Entscheidungen zu hinterfragen.
Ich verkaufte mein Auto, ließ meinen Besitz los, verschenkte, verkaufte oder entsorgte. Ich wollte so wenig besitzen wie möglichIns Ausland sollte es gehen. Einfach den Rucksack packen in Flieger steigen weit weit weg und losziehen.
Ich war bereits auf dem Weg nach Frankfurt, um dort in den Flieger zu steigen. Vorher war ich noch bei einer Freundin. Kurz bevor ich startete brach meine Kreditkarte und ich musste eine neue bestellen. Als ich anschließend mein Visum beantragen wollte, erhielt ich die Nachricht, dass die zuständige Stelle für zehn Tage geschlossen sei.
Also blieb mir nichts anderes übrig als zu warten.
Ich fuhr zurück ins Elternhaus, um dort die Zeit zu verbringen, bis das Visum eintraf.
In dieser Zeit wurde bei unserem Hund ein Tumor diagnostiziert.
Diese Diagnose veränderte erneut etwas in mir. Denn ich wusste: Wenn ich jetzt nach Indonesien oder Australien fliege, werde ich sie möglicherweise nie wiedersehen.
Menschen, die mich kennen, wissen, wie sehr ich unsere Tiere liebe und wie wichtig es mir ist, für sie da zu sein. Ich wollte unsere Hündin Baghira in ihrer letzten Lebensphase begleiten und sie verabschieden. Mit ihr sein können, wenn ihre letzten Momente kommen.
Bereits 2019 hatte ich eine Eingebung. Ich sah mich selbst mit meinen Füßen auf dieser Erde wandelnd, alles, was ich brauche, in einem Rucksack auf meinem Rücken. Nach Nepal wollte ich gehen, denn ich kam gerade von Nepal und begegnete dort meiner Seele auf einer Weise wie nie zuvor, beim Bergsteigen am Mount Everest und auch Vipassana.
Fünf Jahre waren seit dieser Vision vergangen.
Doch ich hatte mich nie getraut. Ich dachte immer, ich bräuchte dafür einen Menschen an meiner Seite. Einen Partner, mit dem ich diesen Weg gehen könnte. Zu viel Angst war in mir, dies allein zu machen. Die Vostellung allein dies zutun löste zu viel Unbehagen und Angst in mir aus.
Allein im Wald, der schwere Rucksack, das verschiedene Wetter, und wie soll ich denn den Weg finden den ich gehen möchte? Und und und.. Gedanken voller Sorgen und Ängsten.
So geduldete ich mich, ich war mir sicher, dieser Mensch mit dem ich dies mache kommt, denn die Vision war so kraftvoll.
Dieser Mensch kam nicht.
Die Jahre vergingen und mein Traum blieb in der Ferne.
Dann kam die Diagnose unserer Hündin.
Und mit ihr sprach eine innere Stimme zu mir:
„Wenn du zu Fuß von deinen Eltern losgehst, bist du selbst in einem halben oder ganzen Jahr nur wenige Flugstunden von Baghira entfernt. Du kannst jederzeit zurückkehren, wenn es wichtig wird.“
Was soll ich sagen?
Unsere Hündin und meine Verbindung zu ihr brachten mich auf den Weg.
Unsere Wölfin schenkte mir die Kraft, diesen Schritt allein zu gehen.
Die Liebe zu ihr, die Verbundenheit und der Wunsch, für sie da zu sein, wenn es darauf ankommt. All das weckte in mir den Mut, loszugehen, allein zu Pilgern und mich meinen Ängsten zu stellen.
Ich bereitete mich vor, kaufte einen Rucksack und alles, was ich brauchte.
Mein ursprünglicher Plan war es, zu den Alpen zu gehen, die Alpen zu überqueren und anschließend nach Santiago de Compostela zu pilgern.
Als ich 2018 im Himalaya bergsteigen. Unter anderem ging es damals zum Mount Everest. Dort stellte sich mir eine Frage:
Warum fliege ich um die halbe Welt, wenn es auch Berge in der Nähe meiner Heimat gibt?
Berge haben mich schon immer gerufen.
Deshalb sollten es zunächst die Alpen werden.
Santiago war damals einfach das Ziel, weil man eben nach Santiago pilgert. Nicht weil dieser Ort mich besonders anzog. Ehrlich gesagt hatte ich zu dieser Zeit noch keine Ahnung vom Pilgern und wusste gar nicht, welche Wege es überhaupt gibt.
Also dachte ich: Ich gehe über die Alpen nach Santiago.
Dann kam der Tag meines Aufbruchs.
Mein Vater stellte mir eine einfache Frage:
„Warum gehst du eigentlich über die Alpen nach Santiago? Reicht es nicht, direkt nach Santiago zu gehen? Das ist doch weit genug.“
Ich hinterfragte meine Entscheidung kurz und stimmte zu:
Ja, eigentlich hast du recht.
So entschied ich noch am Tag meines Aufbruchs, nicht die Alpen anzusteuern, sondern direkt Richtung Santiago zu gehen.
Also ging ich los.
Erst nach Köln und dann den Rhein entlang.
Der Anfang war wahrlich schwierig.
Geprägt von körperlichen und emotionalen Herausforderungen.
Halleluja.
Ich ging durch Schmerzen.
Mein Körper hatte einiges zu verdauen und auch mein Magen-Darm-System machte mir viele Probleme.
Ich startete am 3. Juni 2024. Mein Geburtstag war am 13. Juni.
Zu meinem Geburtstag besuchte mich meine Mutter und wir verbrachten zwei oder drei wunderschöne Tage miteinander.
Als sie mich anschließend wieder dort absetzte, wo sie mich eingesammelt hatte, setzte ich meinen Weg fort.
Doch nachdem sie gegangen war, wurde alles noch schwieriger.
Die Sehnsucht nach vertrauten Menschen und nach Gemeinschaft war plötzlich viel größer als zuvor.
Dieser Tag war geprägt von stundenlangem Weinen.
Während ich weiterging, sprach ich aus Not mit Gott, oder wie man auch immer die höhre Macht, die unsere Herzen schlagen lässt, nennt.
Ich sprach mit mir selbst und zugleich mit etwas Größerem.
Voller Verzweiflung sagte ich:
„So kann ich nicht mehr lange weitermachen. Eigentlich sollte mir dieser Weg Freude und Erfüllung schenken. Doch seit zwei Wochen erlebe ich vor allem Kampf. Einen Kampf mit Einsamkeit, Schmerzen, Ängsten, Unsicherheiten und vielem mehr.“
Damals sagte ich mir:
„Ich mache das noch ein oder zwei Wochen. Wenn es dann nicht besser wird, höre ich auf. Ich möchte mich nicht quälen.“
Also ging ich weiter. Wissend, dass es erstmal richtig schlimm wird bevor es besser wird. Darum wollte ich nicht sofort aufhören. Doch war ich am Ende meiner Kräfte. Vor allem auch weil ich mindesten 4 Tage zuvor, schlimmste Magen Darm Probleme hatte, so war ich eben auch Körperlich erschöpft.
Einsam. Weinend. Weitergehend.
Nach einiger Zeit kam ich an einer großen Statue vorbei. Sie stand in der Nähe einer Kirche, die meine Mutter und ich bereits aus dem Auto gesehen hatten. Schon damals war ich begeistert gewesen, wie schön sie war. Die Apollinariskirche in Remagen.
Ich hatte keine Ahnung, dass mein Weg direkt daran vorbeiführen würde.
Als ich vor der Statue stand, las ich die Worte:
„Heiliger Franziskus.“
Ich musste schmunzeln.
In meiner Kindheit hatten mich Familienmitglieder manchmal so genannt.
Damals hatte mich das eher gestört.
Ich war doch ein Mädchen. Warum nannten sie mich Franziskus?
Franz von Assisi kannte ich noch vage aus der Schulzeit. Im Grunde wusste ich jedoch nichts über ihn.
Allein durch seinen Namen fühlte ich mich in die Kirche gezogen. Obwohl Kirchen sonst nicht so mein Interesse rufen.
Dort stand ich, barfuß, mit meinem Rucksack, zwischen den Kirchenbänken einer ehemaligen Franziskanerkirche.
Während ich dort stand, kam der Pfarrer auf mich zu.
Er betrachtete mich und sagte:
„Wie der heilige Franziskus damals – barfuß auf der Erde wandernd.“
Ich war sprachlos.
Mein Name ist Franziska und ich liebe es, barfuß auf dieser Erde unterwegs zu sein. Wer mich kennt, weiß, ich gehe schon viele Jahre immer wenn es geht barfuß. Zu beginn ging ich sogar zu Uni ohne Schuhe.
Als ich ihm das erzählte, war auch er sichtlich überrascht.
Ich fragte ihn, wer Franziskus eigentlich gewesen sei.
Und er nahm sich die Zeit, mir von seinem Leben zu erzählen.
Während er sprach, liefen mir die Tränen übers Gesicht.
Immer wieder dachte ich:
Das kann doch nicht wahr sein.
Ich erkannte so viele Parallelen zwischen seinem Leben und meinem eigenen Weg.
Dieser Moment veränderte alles.
Ich fühlte mich vollkommen auf dem richtigen Weg.
Ich wusste, dass das, was ich tat, richtig war.
Von da an wurde alles leichter.
Ich fühlte mich getragen, unterstützt und tief verbunden – mit einer höheren Kraft, mit dem Leben und mit Franziskus.
Voller Vertrauen und voller Sicherheit in dem, was ich tat.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung vom Franziskusweg in Italien.
Ich war immer noch auf dem Weg nach Santiago.
Wie es dazu kam, dass ich schließlich nach Italien ging, erzähle ich in einem anderen Beitrag.
Danke für eure Zeit und dafür, dass ihr meine Geschichte gelesen habt.
In Liebe, für Franziskus,
eure Franziska



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