top of page

Lass dich ins Unbekannte fallen

Pilgern - eine Reise in die Tiefen des Lebens.

Zu Anfang meiner erster Pilgerwanderung (Juni 2024) war eines der häufigsten und auch belastendsten Themen, einen Schlafplatz für mich und mein Zelt zu finden. Wo und wie schlafe ich heute Abend?

Während des Gehens schaute ich ständig auf Google Maps und Organic Maps, wo es möglich wäre zu schlafen und wo ich heute Abend ankommen werde? Wie wird das Wetter? Wie wird die Temperatur sein? Fragen über Fragen durchströmten mich und ich wollte die Antworten, sofort.

Es gab sogar Momente, in denen ich nach dem Wetter für die nächsten zwei oder drei Tage schaute. Sobald Regen angekündigt war, begann ich sofort, mir Sorgen zu machen.

Sorgen, dass es kalt wird.

Sorgen, dass ich nicht genug warme und wasserfeste Sachen dabeihabe.

Sorgen, dass alles zu einer Qual wird.

Ich wollte Lösungen und Antworten und der Verstand suchte verzweifelt danach.

Doch es gab keine Antworten.

Es war unbekannt.

Unbekannt, wo und wie ich schlafen werde.

Unbekannt, wie das Wetter wird.

Unbekannt, wie ich mich fühlen werde.

Unbekannt, was ich erleben werde und wie es mir gehen wird.

Und genau das war zu Beginn schwer für mich auszuhalten.

Tagelang verfiel ich in diesen Zustand. Einen Zustand, in dem ich bereits am Morgen anfing, mir Gedanken zu machen und unbedingt wissen wollte, wo ich am Abend schlafen werde.

In diesen Momenten verstand ich all die Pilger, die bereits im Voraus geplant haben und jedes Nachtlager schon kennen.

Denn ins Unbekannte zu gehen kann dazu führen, dass man sich unzählige Sorgen macht, Ängste entwickelt, zweifelt und vom Schlimmsten ausgeht.

Nach wenigen Tagen dieser Prozesse merkte ich zum einen, dass ich dadurch den Moment verpasste.

Ich lebte meinen Traum.

Ich ging und lebte in wunderschöner Natur, durchwanderte kleine Dörfer, mit allem was ich brauchte auf meinem Rücken. Sah und erlebte die Schönheit dieser Erde. Begegnete mir und meiner Umgebung auf einer tiefen ebene.

Doch mit meiner Aufmerksamkeit war ich nicht im Moment, sondern ständig dabei, über den Schlafplatz nachzudenken.

Da sprach etwas zu mir und fragte mich, ob das die Art und Weise ist, wie ich pilgern möchte. Ob mir das wirklich guttut.

Etwas in mir sagte, dass ich den Moment verpasse. Dass ich, wenn ich jetzt nicht anfange, präsent zu sein, die Schönheit und die Wunder des Augenblicks nicht sehen, fühlen und erleben werde, sondern mich in meinen Sorgen verliere.


Zudem durfte ich erfahren, dass Wunder geschehen. Und mich Gott unterstützt.

Bereits nach zwei oder drei Tagen erlebte ich etwas, das mich zu Tränen rührte.


Beim Essen in einem Restaurant fiel ich einer Gruppe auf.

Der Mann der Gruppe sprach mich an und fragte ganz verwundert und neugierig, was ich denn tue. Er hatte meinen großen Rucksack gesehen. Wir kamen ins Gespräch.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich wirklich keine Ahnung, wo ich in dieser Nacht schlafen sollte. Da ich nicht draußen schlafen konnte – alles war nass und ich befand mich in einer Vorstadt von Köln. Verzweiflung und Angst um einen Schlafplatz war bereits etwas präsent in mir

Während unseres Gesprächs war da erneut diese innere Stimme, die sagte: „Frag sie, wo man hier schlafen kann. Menschen, die vor Ort leben, wissen bestimmt mehr als das Internet. Vielleicht haben sie einen Tipp.“

Als ich fragte, ob sie wüssten, wo ich schlafen könnte, sagte eine Frau aus der Gruppe wie aus der Pistole geschossen:

„Bei mir. Ich habe ein Gästezimmer und ein Bett, das niemand nutzt.“

Ich konnte nicht fassen, was sie da sagte. Ich konnte meinen Ohren kaum trauen.

Niemals hätte ich so etwas erwartet.

Bis dato kam mir nicht ein Einziges mal der Gedanke, dass es Menschen geben könnte, die mir ihr Zuhause anbieten würden.

Als die Dame mir ihren Namen verriet, konnte ich erneut meinen Ohren kaum glauben.

Sie heißt wie meine Mutter.

Der erste Schlafplatz meiner Reise war bei einer Frau, die denselben Namen trägt wie meine Mutter.

Ich konnte mein Glück kaum fassen. Vor Freude, Fassungslosigkeit und Erleichterung schossen mir die Tränen in die Augen – so wie auch gerade jetzt beim Verfassen dieses Textes.

Ich habe selten eine solche Herzlichkeit von fremden Menschen erfahren. Ich war vollkommen überwältigt und unendlich glücklich.

Als ich bei ihr ankam, fühlte ich mich sofort wie zu Hause. Wir hatten so viel Freude miteinander, unterhielten uns bis die Sonne aufging und es wieder hell wurde.

Es war eine unglaubliche Bereicherung, sie kennenzulernen und zu merken, dass wir uns verstanden, als wären wir Freundinnen.

Das Schöne war, dass der Mann, der mich angesprochen hatte, und seine Frau nur acht oder neun Kilometer entfernt wohnten – und auch noch genau in die Richtung, in die mein Pilgerweg führte.

So schlief ich bis zum Mittag. Wir verbrachten noch ein paar schöne Stunden miteinander und anschließend ging ich weiter meines Weges zu dem Pärchen.

Auch mit ihnen entstand eine wundervolle Verbindung. Wir redeten viel und auch dieser Schlafplatz war schöner, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.


Diese und ähnliche Erlebnisse zeigten mir, dass Dinge geschehen können, die ich mir vorher nicht ausmalen kann. Dinge, die außerhalb meiner Vorstellung liegen.

Ich bemerkte, wie oft meine Vorstellung von der Zukunft sich Dramen ausmalt.

Doch dann geschieht plötzlich das Gegenteil.

Es passieren Dinge, die schöner sind, als ich sie mir jemals hätte ausmalen können. Das Leben sendet mir Menschen, die Engel auf meinem Weg sind.

Es geschehen Dinge, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.


Gestern habe ich mit einer innigen Freundin gesprochen. Sie fragte mich, was passiert ist, wenn auf meiner Pilgerwanderung wirklich einmal etwas „Schlimmes“ eingetreten ist.

Als ich darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass selbst dann etwas geschah, das schöner und wundersamer war als alles, was ich mir hätte vorstellen können.

Ein Moment, in dem ich tränenüberströmt und auf der Suche nach einem Schlafplatz durch die Dunkelheit ging und keinen Ausweg sah. Ich fühlte Angst und Panik.

Und trotzdem ging ich weiter. Schritt für Schritt.

Ich wusste nicht, wo ich schlafen sollte.

Ich befand mich in einem Tal zwischen Bergen des Aosta-tals der Alpen.

Die Möglichkeiten, mein Zelt aufzustellen, waren sehr begrenzt. Auf einer Schräge zeltet es sich schließlich nicht besonders gut. Außerdem wollte ich mein Zelt nicht dort aufstellen, wo mich Menschen sehen konnten. Ich kam lediglich durch kleine Ortschaften voller Häuser.

Getrieben von einer inneren Stimme, die sagte: „Geh einfach weiter. Vielleicht ergibt sich noch etwas. Und wenn nicht, dann fragst du jemanden, ob du dein Zelt in seinem Garten aufstellen darfst.“ So müsste ich nicht illegal und gut sichtbar zelten, ständig unter Stress stehen und aus Angst schlafen, dass mich jemand sieht.

Ich stapfte also weiter. Voller Ängste, aber auch voller Vertrauen in diese innere Kraft, die mich weiterführte und nicht aufhörte, mir Hoffnung zu machen. Eine Stimme, die daran glaubte, dass ich etwas finden würde, wenn ich einfach weiterging.

Und wie aus dem Nichts tauchten zwei Mädels mehr oder weniger in meinem Alter auf und fragten mich, ob ich Hilfe brauche.

In diesem Moment überströmten mich erneut die Tränen.

Tränen der Erleichterung, weil sie mir helfen wollte, weil sie mich sahen. Weil ich ihnen aufgefallen war.

Sie strahlten so viel Wärme und Liebe aus, dass ich mein Glück kaum fassen konnte. Mein System entspannte.

Eine der beiden, Carole, nahm mich mit nach Hause. Ich war so überrascht, dass sie, ohne überhaupt mit ihren Eltern zu sprechen, wusste, dass ich mitkommen durfte. Es sei absolut kein Problem, dass ich mit zu ihr komme. Ich konnte kaum glauben, dass sie ganz selbstverständlich einen fremden Menschen mit nach Hause brachte.

Als ich bei ihr zu Hause ankam, empfing mich ihre Mutter mit einer Umarmung, die mich erneut zu Tränen rührte. Auch jetzt, während ich das schreibe, laufen mir Tränen über das Gesicht.

Ich fühlte mich so geborgen, so warm und so geliebt. Es war die herzliche Umarmung einer so liebevollen und warmen Mutter. Genau das, was ich brauchte.

Auch als ich ihren Bruder sah und er mich begrüßte, fühlte ich pure Freude. Eine Verbundenheit, als würden wir uns schon lange kennen.

Auch der Vater hieß mich so herzlich willkommen, dass er, ohne lange zu fragen, eine Matratze ins Wohnzimmer legte, um mir zu zeigen, dass ich auch hier bleiben durfte. Eigentlich sollte ich später am Abend noch zu der anderen jungen Frau fahren, um dort zu schlafen.

Long Story short – ich blieb bei dieser Familie eine ganze Woche.

Ich schlief in ihrem Wohnzimmer und wollte gar nicht mehr gehen.

Denn ich war zu Hause angekommen.

In einer Zeit, in der ich genau das mehr als alles andere gebraucht habe. Gleichzeitig war das Wetter regnerisch und ohnehin nicht gut zum Pilgern. Also nahm ich mir die Zeit, bei dieser Familie zu bleiben.

Kevin, der Bruder, und ich hatten – und haben bis heute – eine so tiefe Verbindung, dass es sich für uns beide wie ein Wunder anfühlte, dass wir einander begegnet sind und Zeit miteinander verbringen durften und uns so vertraut und wohl miteinander fühlen.


Was möchte ich damit sagen?

Selbst in den schlimmsten Momenten, in denen ich durch tiefe Dunkelheit im Außen wie auch in meinem Inneren gegangen bin, kamen hell leuchtende Engel auf mich zu. Ich durfte etwas erleben und mit Menschen teilen, das schöner und wundersamer war als alles, was ich mir jemals hätte ausmalen können.

Auch heute, nach circa zwei Jahren, habe ich noch Kontakt zu ihnen. Ich habe sie erneut besucht und sie sind zu einem tiefen Teil meines Herzens geworden.

Hätte ich mich nicht ins Unbekannte begeben, sondern alles vorgeplant, wäre ich niemals in den Armen dieser Familie gelandet.


Und nun komme ich zu dem Punkt, wie ich das heute in meinem Alltag anwende.

Was nehme ich daraus mit?

Präsenz im Moment. Die Bereitschaft, auch schmerzhafte Momente zu durchleben. Mich von meiner inneren Stimme führen zu lassen, die mir zeigt, wohin ich gehen und was ich tun soll.

Mich ins Unbekannte fallen zu lassen und loszulassen. Nicht jetzt schon alles wissen zu wollen. Nicht voller Angst und Sorgen an die Zukunft zu denken und mir dadurch den gegenwärtigen Moment zu nehmen. Nicht alle Antworten schon heute kennen zu müssen, sondern bereit zu sein, nichts zu wissen und gleichzeitig darauf zu vertrauen, dass das, was ich erlebe, genau das Richtige ist.

Und dass etwas geschehen kann, das zu schön ist, um wahr zu sein. Etwas, das vollkommen außerhalb meiner Vorstellung liegt. Dass Unmögliches möglich ist.

Dass manchmal gerade die schmerzhaftesten und dunkelsten Momente zu etwas so Wundervollem führen, wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen niemals hätte ausmalen können.

Somit lasse ich mich auch jetzt wieder ins Unbekannte fallen, ohne zu wissen, was geschieht und wohin es mich führt.

Mit Präsenz und Aufmerksamkeit im Moment. Im Hier und Jetzt. Denn genau hier und jetzt gibt es wundervolle Dinge zu bestaunen und zu entdecken.

Die Antworten kommen.

Denn je bewusster ich durchs Leben gehe, desto eher erkenne ich die Möglichkeiten. So war es auch beim Pilgern. Wenn ich bewusst im Moment bin, komme ich in Kontakt mit dem, was um mich herum ist – und auch mit meiner inneren Stimme, die mir den Weg zeigt und mich führt. Und der ich folge, selbst wenn der Weg durch Schmerzen führt.

Ist es nicht auch so im Leben?

Beim Pilgern wusste ich, wohin ich möchte. Ich kannte den Weg nicht. Doch der Weg zeigte sich beim Gehen.

Und genauso ist es momentan auch in meinem Leben.

Ich weiß, worauf ich meinen Fokus richte. Ich weiß, wohin ich möchte. Und in jedem Moment des Tages kann ich Schritte in diese Richtung gehen. So wie beim Pilgern: einfach gehen. Schritt für Schritt. Darauf achten, dass ich mich in die richtige Richtung bewege.

Auch im Leben beginnt der größte Berg mit dem ersten Schritt.

Ich muss nicht den ganzen Weg kennen. Es reicht, die Richtung zu kennen und in Bewegung zu kommen.

Es braucht Mut, sich ins Unbekannte zu wagen und bereit zu sein, auch durch Schwierigkeiten zu gehen. Wie ein Kind, das beim Laufenlernen hinfällt und sich manchmal wehtut – und trotzdem wieder aufsteht.

Ich kenne meine Ziele. Ich kenne meinen Fokus. Ich kenne meine Richtung.

Und nun liegt es an mir, die Schritte zu gehen.

Wir müssen nicht schon alles wissen. Wir müssen uns nicht immer gut fühlen. Es muss nicht immer leicht sein. Genauso wenig muss es immer schwer sein. Denn oft machen wir es uns schwerer, als es eigentlich ist.

Deshalb beobachte dich einmal.

Machst du es dir schwerer, als es sein müsste?

Jammerst du?

Bist du im Widerstand mit dem, was gerade ist?

Schau hin. Womit raubst du dir selbst Energie?

Und dann höre damit auf.

Es kostet unglaublich viel Energie, ständig mit den Gedanken in der Zukunft zu sein und nach Antworten zu suchen. Ich drehe mich im Kreis und verliere mich viel eher in Ängsten und Zweifeln, die vermutlich nicht einmal wahr werden.

Ich lade dich deshalb ein:

Vertraue.

Sei Präsent im Moment.

Glaube daran, dass alles was geschieht, genau richtig ist.

Erinnere dich : das Leben ist immer für dich, alles geschieht für dich.

Trau dich.

Sei mutig.

Gehe deinen Weg, auch wenn er schmerzt. Auch wenn dieser Weg unbekannt ist und dir Angst macht.

Wenn es der Weg ist, der dein Herz schneller schlagen lässt, dann folge ihm.

Wenn es ein Weg ist, der dich schon lange ruft, dann geh ihn.

Er steckt voller Wunder. Voller Menschen. Voller Momente, die dein Herz berühren.

Lass dich fallen, Gott wird dich fangen und überraschen mit Wundern, die du dir noch nicht ausmalen kannst!

In Liebe – für den Frieden und fürs Herz.

Franziska

 
 
 

Kommentare


bottom of page